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Das Frankfurter Spiel als Vorbild: Die Begeisterung der deutschen National Football League


American Football, das ist für viele immer noch der Nerd-Sport, der gerne mal belächelt wird. Nicht ernst zu nehmen sei die Begeisterung für die National Football League (NFL) in Deutschland, die selbst ernannten Fans würden schließlich viel zu weit weg sein von ihren Lieblingsteams und die allenfalls im Fernsehen oder Stream verfolgen können.

Inzwischen lassen sich diese Klischees nur noch schwerlich aufrechthalten. Football mit der NFL ist drauf und dran, den Platz hinter dem übermächtigen Fußball einzunehmen. Natürlich mit weitem Abstand, aber welche andere Sportart wird schon im Abendprogramm eines großen deutschen Fernsehsenders in epischer Breite übertragen? Und inzwischen gibt es hierzulande sogar regelmäßig NFL-Spiele im Stadion.

Am Sonntagnachmittag, beim 21:14-Sieg der Kansas City Chiefs gegen die Miami Dolphins, trafen sich 50.000 Glückliche, um im Frankfurter Fußballstadion eine große Football-Party zu feiern. Für viele hatte die schon am Morgen mit der Anreise aus allen Teilen der Republik begonnen, andere waren sogar schon seit Tagen in der Stadt, um beispielsweise das „Championship“ der Chiefs zu bestaunen, ein Boot, das auf dem Main angelegt hatte und auf dem das Team des Super-Bowl-Siegers gefeiert werden durfte.

Diese Woche hier zu sein, hat mir wirklich viel bedeutet, Frankfurt wird für mich immer ein Zuhause sein.

Raheem Mostert, Miamis Running Back, über seine Mutter, die in Bad Hersfeld geboren wurde.

Zwischen 75 und 225 Euro kosteten die Tickets im Vorverkauf, schon in kürzester Zeit waren sie vergriffen. Auf dem Schwarzmarkt wurden teils astronomische Summen geboten, vor dem Stadion suchten am Sonntag verzweifelte NFL-Fans immer noch nach Karten. Im Vorjahr hatte es beim Debüt der NFL in Deutschland in München ähnliche Szenen gegeben, die Begeisterung ist ein Jahr später noch kein bisschen abgekühlt.

„Make Noise“ oder „Get Loud“ war während des Spiels immer wieder auf dem Videowürfel zu lesen, als wäre dieser Hinweis für die deutschen Fans notwendig. Tatsächlich schwappte schon bei den Nationalhymnen für die USA und Deutschland die Stimmung über. Und als das Spiel dann lief, war das, was auf den Rängen passierte, sogar für die NFL-Profis bemerkenswert. „Es war eine unglaubliche Erfahrung“, schwärmte Chiefs-Superstar Patrick Mahomes nachher und kündigte an, unbedingt wiederkommen zu wollen.

Chiefs Kingdom. Patrick Mahomes lief nach dem Sieg eine Ehrenrunde und klatschte mit den Fans ab.

Chiefs Kingdom. Patrick Mahomes lief nach dem Sieg eine Ehrenrunde und klatschte mit den Fans ab.

© Imago/Eibner

Besonders angetan war er von der Unterstützung für sein Team. „Überall in der ganzen Stadt war rot zu sehen, man konnte nicht nur die Liebe der Deutschen zum Football erkennen, sondern auch ganz speziell für die Spieler.“ Und obwohl Miami deutlich weniger angefeuert wurde als die Chiefs, waren auch die Dolphins begeistert.

Für einen war es sogar eine kleine Heimkehr. „Meine Mutter wurde in Bad Hersfeld, ganz in der Nähe, geboren“, erzählte Raheem Mostert auf der Pressekonferenz nach dem Spiel mit einem Strahlen in den Augen. „Diese Woche hier zu sein, hat mir wirklich viel bedeutet, Frankfurt wird für mich immer ein Zuhause sein“. Mostert, Running Back bei den Dolphins, hatte das Spiel mit seinem Touchdown zum 13:21 noch einmal spannend gemacht und die ohnehin euphorischen Fans sogar noch einmal zusätzlich angespornt.

Live-Football im Stadion ist eine ambivalente Angelegenheit

Als das Spiel schließlich zu Ende ging, erklang beinahe schon traditionell „Sweet Caroline“ von Neil Diamond und im Stadion wurde noch einmal mitgegrölt. Für alle, die am Sonntag mit dabei sein durften, war es ein unvergessliches Erlebnis. Nach dem Spiel standen sie in Gruppen zusammen vor dem Stadion und zeigten sich gegenseitig ihre Fotos und Videos auf ihren Mobiltelefonen – all das mit seligem Lächeln im Gesicht.

Nerd-Sport? Vielleicht. NFL-Football in Deutschland? Ein Event. Aber die Zuschauer sind aus der Rolle eines Eventpublikums längst herausgekommen. „Die wissen, was sie da angucken und worüber sie sprechen“, lobte Mahomes. Die Fans selbst machen mitunter einen Wettbewerb daraus, wer sich am besten auskennt. In einem Zug von Berlin nach Frankfurt fachsimpelten im Speisewagen mehrere Gruppen – jede reklamierte letztlich die größere Expertise für sich, all das mit Humor und völlig friedlich.

Die Halbzeitshow mit unter anderem Nico Santos floppte.

Die Halbzeitshow mit unter anderem Nico Santos floppte.

© Imago/Shutterstock

Dabei bleibt Live-Football im Stadion eine durchaus ambivalente Angelegenheit. Richtiger Fluss kommt nie so richtig auf, weil im Spiel eine Unterbrechung die nächste jagt. Vom Videobeweis, über Verletzungspausen, den Ballbesitzwechsel, nach Touchdowns und jedem Viertelende ruht der Ball. Dazu kommen noch je drei Auszeiten pro Team und pro Halbzeit das so genannte „Two-Minute-Warning“.

In dieser Zeit stehen die Spieler beider Mannschaften minutenlang auf dem Feld und nichts passiert, sie warten darauf, dass der Ball freigegeben wird – sprich die übertragenden Fernsehanstalten aus der Werbung zurückschalten. So zieht sich ein NFL-Game über drei Stunden und trotzdem wurde den Fans in Frankfurt währenddessen nicht langweilig.

Erstaunlicherweise funktioniert beim Football all das, was in einem Fußballstadion sonst verpönt ist. Die Kiss-Cam, für das deutsche Spiel in „Knutsch-Cam“ umbenannt, wird genauso beklatscht wie Interviews mit mehr oder weniger Prominenten während der Pausen. Ungewohnt auch: Jeder einzelne Spielzug wird in englischer Sprache anschließend noch einmal im Stadion angesagt.

Taylor Swift war nicht in Frankfurt, die Fans hätten sich gefreut.

Taylor Swift war nicht in Frankfurt, die Fans hätten sich gefreut.

© AFP/Kirill Kudryavtsev

Da hätte eigentlich die Halbzeitshow der heimliche Höhepunkt werden können. Doch die Auftritte von Nico Santos und Kontra K, immerhin bekannte Künstler aus Deutschland, verhallten in lausigem Sound und konnten trotz aller Pyroelemente und Tanzeinlagen niemanden von den Sitzen reißen. Nach zehn Minuten war der, man möchte fast sagen, Spuk, auch schon wieder vorbei und man kann nur wünschen, dass die Veranstalter die Sache am nächsten Sonntag beim Duell New England Patriots gegen Indianapolis Colts etwas liebevoller handhaben.

Die Sehnsucht nach Taylor Swift dürfte jedenfalls nach den Auftritten von Santos und Co. noch einmal größer geworden sein, den Weg nach Frankfurt hatte die Pop-Diva und Freundin von Chiefs-Star Travis Kelce dann offenbar doch nicht angetreten, trotz aller Gerüchte. Die Zuschauer machten sich einen Spaß daraus, einer trug über seinem Chiefs-Leibchen ein Shirt auf dem stand: „Where is Taylor?“ Ein anderer hielt ein selbstgemaltes Plakat mit der gleichen Frage in die Kamera.

Letztlich besuchen die deutschen Zuschauer NFL-Spiele aber in erster Linie wegen des Sports und nicht wegen der Gesangseinlagen. Das wird auch in einer Woche nicht anders sein. Auch dann werden sie wieder zu Tausenden nach Frankfurt pilgern. Von manch einem werden sie dann wohl wieder für Nerds gehalten werden, dabei sehen sie sich selbst einfach nur als Football-Fans.

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Author: Nicole Donaldson

Last Updated: 1702947603

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